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Globale Makroökonomische Ungleichgewichte: Risiken, Massnahmen und Auswirkungen auf die Schweiz

15. Mai 2026

Am 15.-17. Juni 2026 findet in Évian-les-Bains unter der Präsidentschaft Frankreichs das nächste G7-Gipfeltreffen statt. Das Schwerpunktthema wird die globalen makroökonomischen Ungleichgewichte sein. Ende März überreichten die Ökonomen Chong-En Bai, Gita Gopinath, Hélène Rey und Axel Weber dem französischen Präsidenten Emilien Macron einen Bericht über globale Ungleichgewichte.[1] Darin weisen die Ökonomen darauf hin, dass der seit einigen Jahren zu beobachtende Anstieg übermäßiger Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse eine zunehmend unausgewogene Wachstumsdynamik in China, der Europäischen Union (EU) und den Vereinigten Staaten (USA) widerspiegeln. Diese können die internationalen Handelsbeziehungen beeinträchtigen und zunehmende Instabilität auf den Finanzmärkten hervorrufen.

Zu einem ähnlichen Befund kommt eine Analyse von Beatrice Weder di Mauro and Jeromin Zettelmeyer, die Anfang Jahr vom Brüsseler Think-Tank Bruegel und dem Center for Economic Policy Research (CEPR) veröffentlicht wurde.[2] Die Geschichte zeige, dass steigende makroökonomische Ungleichgewichte Spannungen im internationalen Handel auslösen und oft in Finanzkrisen münden, wie zum Beispiel in die globale Finanzkrise in den Jahren 2007/2008.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) kommt in seinem jüngsten «External Sector Report 2025» zum Schluss, dass der Anstieg der Leitungsbilanzdefizite und -überschüsse der grossen Volkswirtschaften – China, USA und EU – zu zwei Dritteln nicht durch fundamentale, makroökonomische Entwicklungen gerechtfertigt sind und deshalb als übermässig bezeichnet werden könne.[3] Die globalen Ungleichgewichte würden sich derart rasch entwickeln, dass sie erhebliche negative grenzüberschreitende wirtschaftliche Verwerfungen zur Folge haben können.

Die Schweiz ist aufgrund ihrer internationalen Verflechtung besonders stark gegenüber den mit den Ungleichgewichten verbundenen Risiken exponiert. Dieser Beitrag zeigt die Entwicklung der Ungleichgewichte auf, erläutert deren Ursachen, legt Vorschläge zu deren Reduktion dar und reflektiert die Situation der Schweiz.

Zunehmende Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz

Die Leistungsbilanz ist ein wichtiges Analyseinstrument im Aussenhandel, da sie Aufschluss gibt über Veränderungen in der internationalen Vermögenssituation eines Landes und über die finanziellen Risiken, denen ein Land dadurch ausgesetzt ist. Die Leistungsbilanz umfasst alle laufenden Einnahmen und Ausgaben einer Volkswirtschaft gegenüber anderen Volkswirtschaften, beispielsweise Einnahmen und Ausgaben aus dem Import und Export von Waren und Dienstleistungen, Einnahmen und Ausgaben aus Investitionen und grenzüberschreitenden Arbeitsdienstleistungen, d.h. Zinsen und Löhne, aber auch unentgeltliche Übertragungen an oder von Personen im Ausland, z.B. Überweisungen an Familienangehörige.

Das Gegenstück zur Leistungsbilanz ist die Kapitalbilanz. Sie widerspiegelt Nettoveränderung der Eigentumsverhältnisse an ausländischen Vermögenswerten. Weist ein Land beispielsweise eine negative Leistungsbilanz auf, da es mehr importiert als exportiert, muss es diesen Fehlbetrag finanzieren. Die privaten Haushalte und Unternehmen im Inland konsumieren und investieren mehr, als dass sie an Einkommen erwirtschaften. Die Investitionen können deshalb nicht durch Sparen finanziert werden, wodurch das Land auf Kapital aus dem Ausland angewiesen ist. Ein negativer Leistungsbilanzsaldo ist daher mit einem Kapitalzufluss verbunden, meist in Form von Direktinvestitionen, Portfolioinvestitionen und von ausländischen Eigentümern gehaltenen inländischen Währungen. Weist ein Land über mehrere Jahre hinweg einen negativen Leistungsbilanzsaldo auf, führt dies im Laufe der Zeit zu einer steigenden Nettoauslandverschuldung. In Abbildung 1 ist die Situation eines Leistungsbilanzdefizits schematisch dargestellt.

Abbildung 1          Leistungsbilanzdefizit und Kapitalzufluss: Schematische Darstellung

 

Verzeichnet ein Land hingegen einen positiven Leistungsbilanzsaldo, ist dies mit einem Kapitalabfluss verbunden, meist ebenfalls in Form von Direktinvestitionen, Portfolioinvestitionen oder Fremdwährungspositionen. Die privaten Haushalte und Unternehmen im Inland konsumieren und investieren weniger, als dass sie an Einkommen erwirtschaften. Sie investieren im Inland weniger, als dass sie sparen. Das führt dazu, dass Kapital abfliesst und im Ausland investiert wird. Im Laufe der Zeit führt ein anhaltender Kapitalabfluss zu einem wachsenden Nettoauslandsvermögen. In Abbildung 2 ist die Situation eines Leistungsbilanzüberschusses schematisch dargestellt.

Abbildung 2          Leistungsbilanzüberschuss und Kapitalabfluss: Schematische Darstellung

 

Über alle Länder hinweg ist die Leistungsbilanz und das Nettoauslandvermögen theoretisch gleich Null. Den Leistungsbilanzdefiziten in einem Teil der Volkswirtschaften stehen entsprechende Leistungsbilanzüberschüsse in anderen Volkwirtschaften gegenüber. Die Summe der Nettoauslandvermögen ist dementsprechend gleich der Summe der Nettoauslandschulden. Praktisch können sich jedoch Abweichungen ergeben, da die einzelnen Positionen der Leistungsbilanz und der Nettoauslandvermögen nicht immer exakt und einheitlich gemessen und bewertet werden können.

Abbildung 3          Globale Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite, in Prozent des Welt-BIP

Quelle: Weder di Mauro and Zettelmeyer (2026)

In Abbildung 3 sind die weltweiten Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite seit dem Jahr 2000 dargestellt. Die USA weisen in diesem Zeitraum ununterbrochen zum Teil hohe Leistungsbilanzdefizite und somit einen anhaltenden Kapitalzufluss auf. Dieser war insbesondere im Vorfeld der Finanzkrise 2007-2008 sehr hoch, flachte danach etwas ab, ist aber seit dem Jahr 2020 wieder im Steigen begriffen. Auf der anderen Seite verzeichnen China und die EU im selben Zeitraum ausschliesslich Leistungsbilanzüberschüsse und somit einen Kapitalabfluss. Auch bei ihnen zeigt sich der starke Anstieg im Vorfeld der Finanz- und Wirtschaftskrise, der anschliessende Rückgang und der jüngst zu beobachtende Wiederanstieg der Überschüsse.

Abbildung 4          Globale Nettoauslandvermögen und -schulden, in Prozent des Welt-BIP

Quelle: Weder di Mauro and Zettelmeyer (2026)

Die Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite führen zu entsprechenden Defiziten und Überschüssen in der Kapitalbilanz und somit zu einer entsprechenden Zunahme der Nettoauslandvermögen und -schulden. Deren Entwicklung seit dem Jahr 2000 ist in Abbildung 4 dargestellt. Deutlich ersichtlich ist die starke Zunahme der Nettoauslandverschuldung der USA. Demgegenüber stehen die wachsenden Nettoauslandvermögen der EU und Chinas. Die Schulden und Vermögen werden zwar durch eine relativ grosse Diskrepanz etwas verzerrt, die sich aus Unschärfen bei der Messung und Bewertung ergeben. Nichtdestotrotz widerspiegeln sie die wachsende gegenseitige finanzielle Verflechtung und damit die Exposition gegenüber raschen Bewertungsänderungen, wie sie zum Beispiel im Jahr 2007 durch den Immobiliencrash in den USA hervorgerufen wurden.

Ursachen der zunehmenden Ungleichgewichte

Wie bereits erwähnt sind die globalen Ungleichgewichte zu einem wesentlichen Teil durch die drei grossen Volkswirtschaften USA, China und EU bedingt. Wenden wir uns zuerst China zu.

China verzeichnet einen im Vergleich zu seinem BIP chronisch tiefen Binnenkonsum und demzufolge eine hohe Sparquote. Diese beträgt seit dem Jahr 2003 über 40 Prozent des BIP, in einzelnen Jahren sogar über 50 Prozent. Zwar absorbiert das hohe Staatsdefizit einen Teil der Ersparnisse von Konsumenten und Unternehmen, und die Investitionen sind mit etwas über 40 Prozent des BIP ebenfalls verhältnismässig hoch. Sie vermögen jedoch die hohen Ersparnisse nicht vollständig zu absorbieren, was zu einem anhaltenden Leistungsbilanzüberschuss und somit zu Kapitalexporten führt (vgl. Abbildung 5).

Abbildung 5          Leistungsbilanz, Sparen und Investitionen China

Datenquelle: IMF World Economic Outlook Database

Auch der Euroraum ist seit einigen Jahren durch Leitunsgbilanzüberschüsse geprägt. Bei einer durchschnittlichen Sparquote von knapp 25 Prozent leidet er jedoch an notorisch tiefen Investitionen, welche die 20 Prozent-Marke nur knapp übertreffen (vgl. Abbildung 6). Die tiefe Investitionsquote widerspiegelt sich in einem im Vergleich zu den USA schwächeren Wirtschaftswachstum. Die Leistungsbilanzüberschüsse haben in den letzten Jahren zu einem stetig wachsenden Kapitalabfluss geführt, insbesondere in die USA.

Abbildung 6          Leistungsbilanz, Sparen und Investitionen Euroraum

Datenquelle: Europäische Zentralbank

Die USA bilden das Gegenstück zu China und der EU. Seit dem Jahr 2000 weisen die USA teilweise hohe Leistungsbilanzdefizite auf. Sie sind die Folge eines anhaltenden Kapitalzuflusses, der nicht zuletzt durch die hohen Staatsdefizite der USA befeuert wird. Der Appetit der Anleger nach US-Staatspapieren scheint ungebrochen, und die hohen Investitionen insbesondere in den KI-Sektor verstärken den Kapitalimport zusätzlich, zumal die USA eine notorisch tiefe Sparquote von unter 20 Prozent des BIP aufweisen (vgl. Abbildung 7).

Abbildung 7          Leistungsbilanz, Sparen und Investitionen USA

Datenquelle: IMF World Economic Outlook Database

Welches sind die Risiken?

Nicht ausgeglichene Leistungs- bzw. Kapitalbilanzen sind in einer globalisierten Wirtschaft keineswegs aussergewöhnlich, ja sogar notwendig. Denn sie sind Ausdruck davon, dass Ersparnisse und produktive Investitionen auf einer globalen Ebene zueinanderfinden. So haben zum Beispiel Entwicklungs- und Schwellenländer oft einen sehr hohen Kapitalbedarf, den sie aufgrund der noch vergleichsweise tiefen Einkommen selber nicht decken können. Ein Anstieg der Arbeitsproduktivität und eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung ist deshalb auf den Zufluss von Kapital aus dem Ausland angewiesen. Die weiter entwickelten Staaten mit höheren Einkommen verfügen demgegenüber oft über hohe Sparquoten, die von den Investitionen im Inland allein nicht absorbiert werden. Sie sind deshalb auf Investitionen im Ausland angewiesen, um ihre Ersparnisse gewinnbringend anzulegen. Die Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite leisten deshalb einen Beitrag zu einer global gleichmässigeren Entwicklung.

Risiken bestehen vor allem dann, wenn ein Leistungsbilanzsaldo im Verhältnis zu den volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten zu gross wird. Dabei stellen übermässige Leistungsbilanzdefizite in der Regel die grösseren Risiken dar als Leistungsbilanzüberschüsse. Ein besonders hohes Risiko, insbesondere für kleine Volkswirtschaften, ergeben sich bei einem sogenanntes «Twin-Deficit», das heisst bei einer Kombination von einem Defizit sowohl in der Leistungsbilanz als auch im Staatshaushalt. Das bedeutet, dass die Staatsdefizite zu einem grossen Teil durch Kapitalzufluss aus dem Ausland finanziert werden. Verlieren die internationalen Anleger das Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung oder die Staatsfinanzen, kann es zu einem raschen und massiven Kapitalabfluss kommen. Die Folge davon sind rasch ansteigenden Zinsen und eine Abwertung der Währung, was zu einem Staatsbankrott und einer schweren Wirtschaftskrise führen kann. Ein bekanntes jüngeres Beispiel ist die Entwicklung in Griechenland und weiterer europäischer Staaten in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-2008.[4]

Ein weiteres Risiko sind hohe Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse in Kombination mit Aktien- oder anderen Vermögensblasen (z.B. bei Immobilien) in Defizitländern, d.h. überbewertete Aktiven, die zu einem grossen Teil mit Kapitalzuflüssen finanziert werden. Die US-Immobilienkrise, welche im Jahr 2007 die globale Finanz- und Wirtschaftskrise auslöste, sowie der in ihrem Sog erfolge Zusammenbruch des spanischen Immobilienmarktes sind prominente Beispiel.

Abbildung 7 zeigt, dass die USA seit über zwei Jahrzehnten ein Twin Deficit aufweisen, d.h. also ein Defizit in der Leistungsbilanz kombiniert mit einem Staatsdefizit. Die damit verbundenen Risiken sind jedoch im Falle der USA deutlich geringer als in kleineren Staaten. Der Hauptgrund dafür dürfte, neben der Grösse der Volkswirtschaft, zum einen in der Rolle des Dollars als wichtigste Reservewährung liegen, welche mit einer gewissen Sockelnachfrage nach Dollaranlagen verbunden ist. Ausserdem sind die USA mit ihren Staatsanleihen (Treasuries) nach wie vor die grösste Anbieterin von sicheren Anlagen. Da das Wachstum des Welt-BIP höher ist als das Wachstum des kumulierten BIP derjenigen Staaten, die sichere Anlagen anbieten, wird die Nachfrage nach US-Treasuries das Angebot weiterhin übersteigen.[5] Das bedeutet, dass die USA trotz des immensen Twin-Deficit weiterhin mit einem Kapitalzufluss rechnen können.

Risiken ergeben sich in den USA jedoch aufgrund der stark angestiegenen Investitionen und Bewertungen von Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Ob sich diese als nachhaltig erweisen, oder vielmehr Ausdruck einer Aktien- und Vermögensblase sind, scheint derzeit unsicher. Vor dem Hintergrund der in den vergangenen Jahren anhaltend hohen Kapitalimporte in die USA und der damit rasch wachsenden Netto-Auslandschuld hätte ein Platzen einer solchen Blase das Potenzial für das Auslösen einer weiteren globalen Finanz- und Wirtschaftskrise.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat mit dem External Balance Assessment (EBA) ein quantitatives Konzept entwickelt, das mit verschiedenen Modellen ein integrales Bild der aussenwirtschaftlichen Situation eines Landes erlaubt (vgl. International Monetary Fund 2025). Mit Hilfe der EBA-Modelle ermittelt der IMF eine normierte, auf Fundamentaldaten basierenden Leistungsbilanz. Die Differenz zur ausgewiesenen, konjunkturbereinigten Leistungsbilanz des Landes gibt erste, quantitative Hinweise über ein allfälliges Ungleichgewicht. Diese quantitative Differenz wird von den Ökonomen des Währungsfonds mit Korrekturfaktoren bereinigt, welche länderspezifische wirtschaftliche und politische Entwicklungen miteinbeziehen. Ist die bereinigte Differenz positiv, so ist der Leistungsbilanzsaldo gegenüber den volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten zu hoch. Ist die Differenz negativ, so ist der Leistungsbilanzsaldo gegenüber den volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten zu tief.

Tabelle 1               Bewertung der Leistungsbilanz 2024 durch den Internationalen Währungsfonds (IWF), in Prozent des BIP

Datenquelle: International Monetary Fund (2025), S. 69ff

Tabelle 1 zeigt die jüngsten Bewertungen des IWF für die grossen Volkswirtschaften und die Schweiz.[6] Gemäss den EBA-Modellen des IWF war der Leistungsbilanzüberschuss Chinas im Jahr 2024 um rund 1.2 Prozentpunkte zu hoch. Auch im Euroraum ist der Leistungsbilanzüberschuss im Vergleich zum Wert gemäss EBA-Modellen zu hoch. Die positive Differenz beträgt nach Korrekturfaktoren, welche Unschärfen bei der Messung berücksichtigen, 1.1 Prozentpunkte. In den USA hingegen ist der Leistungsbilanzsaldo um 1.4 Prozentpunkte zu tief gegenüber dem auf der Basis der EBA-Modelle ermittelten Wert. Da die USA ein Leistungsbilanzdefizit aufweisen, bedeutet dies, dass das Defizit zu hoch ist. Die Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse aller drei grossen Wirtschaftsräume weichen somit deutlich von den volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten ab. China und der Euroraum müssten tiefere Leistungsbilanzüberschüsse haben, die USA ein tieferes Leistungsbilanzdefizit.

Zu beachten ist, dass die Daten zu den Leistungsbilanzen und weiteren makroökonomischen Variablen teilweise von Unschärfen bei der Messung und Bewertung der Positionen geprägt sind. So ergibt zum Beispiel die globale Summe der Leistungsbilanzsaldi nicht null, sondern es besteht eine Diskrepanz (vgl. Abbildung 1). Aufgrund der Entwicklungen der vergangenen Jahre im globalen Handel und den finanziellen Beziehungen zwischen den grossen Volkswirtschaften kann die Einschätzung, wonach globale Ungleichgewichte bestehen, dennoch als plausibel bezeichnet werden.

Massnahmen zur Reduktion der Ungleichgewichte

Im Grunde genommen liegt es im Interesse jedes Landes selbst, seine eigenen Ungleichgewichte zu reduzieren, denn dies mindert die Risiken aufgrund der eigenen Exponiertheit, sei es aufgrund eines Twin Deficits oder eines hohen Nettoauslandvermögens. Die Autoren des Berichts an die G7, Bai et. al. (2026), empfehlen jedoch ein koordiniertes Vorgehen, da dies mit geringeren Anpassungskosten verbunden wäre als Einzelmassnahmen der drei grossen Volkswirtschaften. Ein gemeinsames Vorgehen macht auch deshalb Sinn, weil der Aussenhandel und die Kapitalflüsse der Volkswirtschaften unweigerlich miteinander verbunden sind. Die Exporte eines Landes sind die Importe der anderen Länder und umgekehrt; die Kapitalabflüsse der einen Länder sind die Zuflüsse in die anderen. Gerade zwischen den drei grössten Volkswirtschaften China, Euroraum und USA sind diese gegenseitigen Abhängigkeiten gross. Einseitige Massnahmen könnten hingegen kontraproduktive Effekte hervorrufen, z.B. aufgrund von höheren Realzinsen und entsprechenden Anpassungen bei den Wechselkursen.

Die Autoren des G7-Berichts empfehlen, die koordinierten Massnahmen direkt auf das Verhältnis von Sparen und Investieren auszurichten. Negative Auswirkungen auf andere Länder sollten minimiert, finanzielle Risiken aktiv gesteuert und der Einsatz von schädlichen Instrumenten wie zum Beispiel Zölle vermieden werden.

Im Fall von China, das einen übermässig hohen Leistungsbilanzüberschuss aufweist, sind einerseits Massnahmen angesprochen, welche die hohe Sparquote reduzieren. Diese ist zu einem grossen Teil durch das schwach ausgebaute soziale Sicherheitsnetz bedingt, namentlich im Bereich des Gesundheitswesens, der Bildung und der Altersvorsorge, welches die privaten Haushalte zwingt, einen hohen Anteil ihres Einkommens vorsorglich zu sparen. Bai et. al. (2026) empfehlen deshalb einen Ausbau der öffentlichen Ausgaben im Bereich Gesundheit, Bildung und sozialer Sicherheit für die Haushalte, so wie dies bereits im 15ten Fünfjahresplan vorgesehen ist. Dadurch würde die Anhäufung von vorsorglichen Ersparnissen durch die Haushalte reduziert, was positive Auswirkungen auf den Inlandkonsum und womöglich auch auf die Importe hätte. Gleichzeitig sollen die nicht zuletzt auch in Bezug auf die Exporte problematischen Industriesubventionen reduziert werden.

Im Euroraum, der ebenfalls einen übermässig hohen Leistungsbilanzüberschuss aufweist, ist nicht eine (zu) hohe Sparquote das Problem, sondern die (zu) tiefen Investitionen. Das durch die Ersparnisse der privaten Haushalte und Unternehmen zur Verfügung stehende Kapital fliesst noch viel zu wenig in risikoreiche, renditestarke Investitionen innerhalb der EU. Ein Grund dafür ist der immer noch nicht vollständig realisierte Binnenmarkt für Kapital. Eine Hauptmassnahme könnte somit die Umsetzung der Empfehlungen im Draghi Report für eine stärkere Integration der Güter, Dienstleistungs- und Kapitalmärkte darstellen.[7] Auch die hohen Investitionen zur Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit der europäischen NATO-Staaten werden dazu beitragen, die Inland-Investitionen zu erhöhen.

In den USA sollte der Fokus auf der Reduktion des hohen Staatsdefizits liegen. Wie Abbildung 6 zeigt, könnten die Ersparnisse von privaten Haushalten und Unternehmen die Investitionen durchaus decken. Die jährlichen Staatsdefizite von zum Teil deutlich über 5 Prozent des BIP können jedoch nur durch anhaltend hohe Kapitalzuflüsse und damit verbundene Leistungsbilanzdefizite finanziert werden. Sie bedeuten ein nicht zu unterschätzendes Stabilitätsrisiko, auch wenn sich die USA mit dem Dollar als Weltwährung in einer besonderen, privilegierten Lage befinden. Bai et. al. (2026) weisen jedoch noch auf einen anderen, für die Stabilität nicht weniger entscheidenden Faktor hin. Die technologische Dynamik der USA, insbesondere die Investitionen im Bereich der KI, bewirkt erhebliche Kapitalzuflüsse in die Aktienmärkte und zu Nicht-Banken Finanzintermediären (NBFI). Der Boom generiert zwar momentan hohe Renditen für Anleger, erhöht aber auch die Anfälligkeit für Korrekturen. Ein massiver Ausverkauf könnte die Investitionen und den Konsum der privaten Haushalte drastisch verringern und die Kreditkosten für Unternehmen in die Höhe treiben, zumal ein wachsender Anteil der Kredite mittlerweile über die weniger transparenten NBFI abgewickelt werden. Eine stärkere Überwachung der NBFI wäre deshalb gemäss den Autoren des G7-Berichts angebracht, nicht zuletzt um Liquiditätsrisiken in Grenzen zu halten.

Gemäss einem Szenario des IWF in seinem World Economic Outlook vom April 2025[8] würde die Kombination dieser Massnahmen, das heisst Strukturreformen in China verbunden mit einem Ausbau des sozialen Sicherheitsnetzes, höhere öffentliche Investitionen in der EU sowie eine Reduktion des Budgetdefizits in den USA, die Leistungsbilanzüberschüsse Chinas und des Euroraums und das Leistungsbilanzdefizit der USA reduzieren. Die makroökonomischen Ungleichgewichte könnten stark reduziert, wenn nicht sogar beseitigt werden. Es stellt sich allerdings die Frage, wie realistisch dieses Szenario vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage und der politischen Verhältnisse in den drei grossen Volkswirtschaften einzuschätzen ist. Während China und der Euroraum zumindest teilweise diesen Weg eingeschlagen haben, ist bezüglich der USA unter der Trump-Präsidentschaft doch Zweifel angebracht.

Auswirkungen auf die Schweiz

Die Schweizer Volkswirtschaft ist zu klein, um allein einen wesentlichen Einfluss auf die globalen makroökonomischen Ungleichgewichte zu haben. Dennoch trägt sie zum insgesamt hohen Leistungsbilanzüberschuss der europäischen Staaten bei. Wie einige andere vergleichbare kleinere Europäische Staaten wie zum Beispiel Schweden, Dänemark oder die Niederlande weist die Schweiz eine Sparquote auf, welche die Investitionsquote deutlich übersteigt. Das zeigt sich in einem seit mehr als 20 Jahren fast ununterbrochenen Kapitalabfluss und einem entsprechenden Leistungsbilanzüberschuss (vgl. Abbildung 8). Kurz unterbrochen wurde dieser Trend lediglich in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und in der Coronakrise 2020, wo die Leistungsbilanz aufgrund verschiedener Faktoren kurzzeitig ausgeglichen war.

Abbildung 8          Leistungsbilanz, Sparen und Investitionen Schweiz

Datenquelle: IMF World Economic Outlook Database

Gemäss den EBA-Modellen des IWF und der Berücksichtigung von länderspezifischen Korrekturfaktoren ist jedoch selbst dieser hohe ausgewiesene Leistungsbilanzüberschuss zu tief (vgl. Tabelle 1). Das heisst, der Leistungsbilanzüberschuss dürfte vor dem Hintergrund der makroökonomischen Fundamentaldaten noch etwas höher sein als in den jüngsten Statistiken ersichtlich. Der IWF weist jedoch darauf hin, dass die Daten zur Leistungsbilanz der Schweiz aufgrund der grossen Bedeutung multinationaler Unternehmen und zeitlichen Rückständen bei der Erhebung gewisse Unschärfen aufweisen (vgl. International Monetary Fund 2025, S. 97)

Vor dem Hintergrund der teilweise hohen Leistungsbilanzüberschüsse ist es nicht erstaunlich, dass sich die Schweiz im Laufe der Zeit ein beachtliches Nettoauslandvermögen angespart hat (vgl. Abbildung 9). Zu beachten ist jedoch, dass die Positionen nicht nur durch Einkommens- und Vermögensbewegungen allein, sondern durch die Rolle des Schweizer Frankens als «Save Haven-Währung» und seiner damit verbundenen kontinuierlichen Aufwertung beeinflusst werden. So ist der Wert des US-Dollars seit dem Jahr 2000 im Vergleich zum Schweizer Franken um rund 50 Prozent gesunken, der Euro seit 2008 um rund 40 Prozent. Die Direkt- und Portfolioinvestitionen nehmen deshalb im Nettoauslandvermögen eine immer geringere Bedeutung ein, während die Währungsreserven vor dem Hintergrund der Stabilisierungspolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) stark zugenommen haben.

Abbildung 9          Nettoauslandvermögen Schweiz

Datenquelle: Schweizerische Nationalbank (SNB) und Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO)

Was bedeuten vor diesem Hintergrund die globalen makroökonomischen Ungleichgewichte für die Schweiz? Aufgrund ihrer Kleinheit im Vergleich zu den drei grossen Wirtschaftsblöcken China, EU und USA dürfte die Schweiz kaum in der Pflicht stehen, koordiniert mit ihnen ihre Leistungsbilanzüberschüsse zu reduzieren. Doch die Schweiz könnte durchaus ein eigenes Interesse an einer Zunahme der Inlandinvestitionen und somit einem etwas weniger ausgeprägten Kapitalabfluss haben.

So ist die Schweiz mit ihrem hohen Nettoauslandvermögen gegenüber allfälligen raschen Bewertungskorrekturen in den USA stark exponiert, sei es aufgrund von Korrekturen im US-Aktienmarkt, bei den Renditen der US-Staatsanleihen und, damit verbunden, einer weiteren Abwertung des Dollars. Höhere Inlandinvestitionen würden deshalb den Sparüberhang sowie den Kapitalabfluss und die damit verbundenen Risiken reduzieren. Zudem muss vor dem Hintergrund der Sicherheitslage in Europa auch die Schweizer Armee ihre Verteidigungsfähigkeit rasch wieder herstellen, was kurzfristig hohe Investitionen erfordert, insbesondere für die Luftabwehr. Nicht zu vergessen sind der hohe Investitionsbedarf für den Ausbau und Unterhalt der Infrastruktur sowie zur Bewältigung des Klimawandels, von welchem die Schweiz als Alpenland besonders betroffen ist. Höhere öffentliche Investitionen wären somit für die Schweiz gleich doppelt von Vorteil.

Doch es ist vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse im Bundesrat und Parlament kaum davon auszugehen, dass die Schweiz von dieser doppelten Dividende Gebrauch macht. Denn kurzfristig höhere öffentliche Investitionen des Bundes würden eine Anpassung der restriktiven Auslegung der Schuldenbremse erfordern. Gemäss heutiger gesetzlicher Grundlage ist der Bund verpflichtet – mit Ausnahme von ausserordentlichen Situationen – über den Konjunkturzyklus hinweg ausgeglichene Finanzierungssaldi zu erzielen. Das bedeutet, dass sämtliche Investitionen zu 100 Prozent selbst finanziert werden müssen; eine Kreditfinanzierung von Investitionen ist faktisch nicht möglich. Dies hat zur Folge, dass der geplante Ausbau der Armee kaum in nützlicher Frist und im erforderlichen Umfang umgesetzt werden dürfte. Da sie nicht mit Staatsanleihen finanziert werden können, müssen die höheren Investitionen mit Sparmassnahmen in anderen Aufgabenbereichen oder Mehreinnahmen kompensiert werden, die im erforderlichen Umfang – wenn überhaupt – nur langfristig realisiert werden können. Für Mehreinnahmen ist zudem eine Verfassungsänderung notwendig, was aufgrund der dafür notwendigen Volksabstimmung Jahre dauert.

Auf der anderen Seite ist der Markt für Schweizer Staatsanleihen aufgrund der Schuldenbremse chronisch unterversorgt. Mit den - nicht zuletzt deshalb - tiefen Zinsen könnte sich der Bund somit fast gratis am Kapitalmarkt verschulden. Zudem gehört die Schuldenquote der Schweiz zu den tiefsten in der westlichen Welt, sodass von einer etwas höheren Staatsverschuldung keine Stabilitätsrisiken ausgehen würden. Doch weder makroökonomische Überlegungen noch die Sicherheit der Schweiz, weder der notwendige Ausbau der Infrastruktur noch der Klimaschutz scheinen unter der Bundeshauskuppel wirklich hoch im Kurs zu stehen. Denn sämtliche Versuche, das enge Korsett der Schuldenbremse auch nur leicht zu Gunsten von höheren Investitionen zu lockern, sind bisher an der bürgerlichen Mehrheit im Bundesrat und im Parlament gescheitert.



[1]    Bai C.-E., Gopinath G., Rey H. und Weber A. (2026): G7 Economists Memo on Global Imbalances

[2]    Weder di Mauro, B. und Zettelmeyer J. (2026): “The new global imbalances: why care, why now and what should be done?”. Essay 01/2026. Bruegel.

[3]    International Monetary Fund (2025). External Sector Report: Global Imbalances in a Shifting World. Washington, DC, July, S. 69.

 

[4]    Vgl. Higgins, W., Klitgaard, T. (2011). Saving Imbalances and the Euro Area Sovereign Debt Crisis. In: Current Issues in Economics and Finance, Vol. 17, No.5.

[5]    Vgl. Vassalou, M. und Donaldson, J. (2024). Tre critical role of US debt sustainability in the world financial architecture. Pictet Rearch.

[6]    Die Werte für die Schweiz werden weiter unten in einem separaten Abschnitt kommentiert

[7]    European Commission (2024): The future of European competitiveness, Part A: A competitiveness Strategy for Europe. https://commission.europa.eu/topics/competitiveness/draghi-report_en

[8]    International Monetary Fund. 2025. World Economic Outlook: A Critical Juncture amid Policy Shifts. Washington, DC. April.